Veröffentlicht am Mai 11, 2024

Die wahre Regionalgeschichte finden Sie nicht im Sammeln von Fakten, sondern im Freilegen emotionaler Wahrheiten des Alltags.

  • Authentische Einblicke entstehen durch Vertrauen und gezielte Gesprächsführung, nicht durch starre Fragebögen.
  • Die Geschichten von „kleinen Leuten“ wie Postboten oder Hebammen offenbaren oft mehr über eine Epoche als offizielle Chroniken.

Empfehlung: Konzentrieren Sie sich darauf, ein echter „Generationenbrückenbauer“ zu werden, der zuhört, um zu verstehen – nicht, um bloß Informationen zu sammeln.

Die offiziellen Geschichtsbücher sind voll von Daten, Fakten und den Taten großer Persönlichkeiten. Doch das wahre, pulsierende Leben einer Region, die Gerüche der Nachkriegszeit, die unausgesprochenen Regeln einer Dorfgemeinschaft oder die kleinen Freuden des Alltags – all das findet sich selten in Archiven. Es schlummert im Gedächtnis derer, die diese Zeiten selbst erlebt haben: der Senioren und langjährigen Einheimischen. Viele Geschichtsinteressierte versuchen, diese Schätze zu heben, scheitern aber oft an einer unsichtbaren Mauer. Sie stellen Fragen, bekommen aber nur höfliche, oberflächliche Antworten. Sie versuchen, das große Ganze zu erfassen, und übersehen dabei die entscheidenden Details, die in einer beiläufigen Anekdote verborgen liegen.

Der gängige Ansatz, mit einem vorbereiteten Fragenkatalog zu arbeiten, greift oft zu kurz. Doch was, wenn der Schlüssel nicht in den richtigen Fragen, sondern in der richtigen Haltung liegt? Was, wenn es weniger darum geht, Fakten abzufragen, und mehr darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Erinnerungen frei fließen können? Dieser Leitfaden bricht mit der Vorstellung des reinen Datensammelns. Er zeigt Ihnen, wie Sie durch Feingefühl, psychologisches Verständnis und die richtigen Techniken zu einem Bewahrer der „emotionalen Wahrheit“ werden. Sie lernen, wie Sie Vertrauen aufbauen, Tabus umschiffen und die unscheinbarsten Momente nutzen, um tiefgründige Lebensgeschichten zu entdecken. Es ist eine Reise von der Oberfläche der Fakten in die Tiefe der gelebten Erfahrung.

Dieser Artikel führt Sie schrittweise durch die Kunst des Zuhörens. Sie erfahren, warum persönliche Erzählungen so wertvoll sind, wie Sie eine vertrauensvolle Verbindung herstellen und welche Quellen die authentischsten Einblicke gewähren. Entdecken Sie, wie Sie Fettnäpfchen vermeiden und den perfekten Moment für ein Gespräch finden, um das ungeschriebene Erbe Ihrer Heimat für kommende Generationen zu sichern.

Warum Zeitzeugenberichte emotionale Wahrheiten enthalten, die Geschichtsbücher auslassen?

Geschichtsbücher dokumentieren Ereignisse, aber Zeitzeugenberichte transportieren das Gefühl dieser Ereignisse. Sie offenbaren die „emotionale Wahrheit“ – die subjektive, aber nicht minder reale Erfahrung einer Epoche. Während ein Geschichtsbuch den Bau einer Schule datiert, kann ein Zeitzeuge den Geruch von Karbol in den Gängen beschreiben, die Strenge eines bestimmten Lehrers oder die kindliche Freude über eine neue Schaukel auf dem Pausenhof. Diese Mikro-Geschichten und sensorischen Erinnerungen sind es, die eine Zeitperiode lebendig und menschlich machen. Sie füllen die Lücken, die offizielle Dokumente zwangsläufig lassen.

Das menschliche Gedächtnis ist kein perfektes Aufnahmegerät; es ist ein selektiver Erzähler. Der Historiker Saul Friedländer formulierte es treffend, als er feststellte, dass unser Gedächtnis dazu neigt, das Verstehbare dem schwer Verstehbaren vorzuziehen. Genau hier liegt der Wert der Oral History.

Das menschliche Erinnerungsvermögen […] zieht das Normale dem Abnormalen, das Verstehbare dem schwer Verstehbaren, das Vergleichbare dem Schwervergleichbaren, das Erträgliche dem Unerträglichen vor

– Saul Friedländer, Nachdenken über den Holocaust

Das bedeutet, dass persönliche Anekdoten oft die unausgesprochenen sozialen Normen und kollektiven Werte einer Gemeinschaft widerspiegeln. Große Projekte wie das Portal Oral-History.Digital, das über 2.000 Interviews von Bergarbeitern im Ruhrgebiet bis zu Punks in Berlin zugänglich macht, zeigen die immense Bandbreite dieser Perspektiven. Es geht darum, zwischen der faktischen und der wahrgenommenen Wahrheit zu unterscheiden und beides als wertvolle Quelle anzuerkennen.

Wie Sie Vertrauen aufbauen und 5 Fragen stellen, die persönliche Geschichten öffnen?

Der Schlüssel zu tiefgründigen Erzählungen ist nicht ein cleverer Fragenkatalog, sondern echtes Vertrauen. Eine sterile Interviewsituation erzeugt selten mehr als sterile Antworten. Es geht darum, eine Atmosphäre des Austauschs und der Sicherheit zu schaffen, in der sich Ihr Gegenüber wohlfühlt, persönliche Erinnerungen zu teilen. Statt direkter Fragen, die wie ein Verhör klingen können, sind narrative Einladungen weitaus effektiver. Sagen Sie zum Beispiel: „Führen Sie mich doch einmal durch einen typischen Sonntag Ihrer Kindheit“, anstatt zu fragen: „Wie war Ihre Kindheit?“. Dieser Ansatz öffnet den Raum für eine Geschichte, anstatt eine einzelne Information abzufragen.

Ein weiterer mächtiger Hebel sind physische Gedächtnisauslöser. Legen Sie alte Landkarten der Region, historische Postkarten oder thematisch passende Fotos auf den Tisch. Oft genügt der Anblick eines vertrauten Objekts, um eine Flut von Assoziationen und Geschichten auszulösen, ohne dass Sie eine einzige Frage stellen müssen. Die richtige Umgebung ist dabei entscheidend, wie das folgende Bild einer idealen Gesprächssituation verdeutlicht.

Warme Gesprächssituation zwischen zwei Personen mit historischen Objekten auf dem Tisch

Die Kunst besteht darin, indirekt zu fragen, um direkte Emotionen zu erfahren. Anstatt „Hatten Sie Angst im Krieg?“ könnten Sie fragen: „Wie war die Stimmung damals im Dorf?“. Dies erlaubt der Person, über Gefühle zu sprechen, ohne sich persönlich exponieren zu müssen. Eine kleine, harmlose persönliche Anekdote Ihrerseits kann ebenfalls Wunder wirken, um zu signalisieren, dass es sich um einen menschlichen Austausch und nicht um eine Prüfung handelt.

Checkliste: Das Fundament für Ihr Zeitzeugen-Interview legen

  1. Kontaktpunkte definieren: Wen möchten Sie interviewen und über welches Thema? (z.B. ehemalige Hebammen über Geburtshilfe, Winzer über den Weinbau früher).
  2. Bestehendes Material sammeln: Tragen Sie alle verfügbaren Artefakte zusammen (alte Fotos, Briefe, Werkzeuge, Landkarten), die als Gesprächsanlass dienen können.
  3. Gesprächs-Kohärenz prüfen: Stellen Sie sicher, dass Ihre geplanten narrativen Einladungen zum Thema und den gesammelten Objekten passen. Vermeiden Sie abrupte Themenwechsel.
  4. Emotionale Ankerpunkte identifizieren: Welche Objekte oder Themen könnten besonders persönliche, emotionale Erinnerungen wecken (z.B. ein Taufkleid, das erste Radio)?
  5. Integrationsplan erstellen: Planen Sie, wie Sie die Artefakte natürlich ins Gespräch einfließen lassen, um sanft von Fakten zu Gefühlen zu leiten.

Welche Quelle liefert authentischere Einblicke in das lokale Erbe?

Die authentischsten Einblicke in das lokale Erbe stammen selten von den Menschen, die ohnehin in den Chroniken stehen. Offizielle Quellen, verfasst von Bürgermeistern, Pfarrern oder Chronisten, bieten eine wichtige, aber oft formale und gefilterte Perspektive. Die wahre Textur des Alltagslebens offenbart sich in den Erzählungen derer, die sonst keine schriftlichen Spuren hinterlassen würden. Historiker, die Oral History betreiben, konzentrieren sich genau deshalb auf diese „stillen“ Quellen, wie eine Analyse der Oral-History-Methodik zeigt. Ohne ihre Stimmen würde ein großer Teil der gesellschaftlichen Realität unsichtbar bleiben.

Die wahren „Hüter des Alltagsgedächtnisses“ sind oft Menschen in zentralen, aber unauffälligen Positionen: die ehemalige Hebamme, die in fast jedes Haus kam; der langjährige Postbote, der jedes Familiengeheimnis kannte; oder der Wirt der Dorfkneipe, in der Freud und Leid geteilt wurden. Ihre Perspektive ist geerdet, persönlich und reich an Details, die in keinem offiziellen Dokument zu finden sind. Sie erzählen nicht von politischen Beschlüssen, sondern davon, wie sich diese Beschlüsse auf den Preis für ein Bier oder die Stimmung im Dorf auswirkten.

Der folgende Vergleich verdeutlicht den fundamentalen Unterschied zwischen diesen beiden Quellentypen. Die Daten stammen aus Analysen von Plattformen, die sich auf die Sammlung mündlicher Überlieferungen spezialisiert haben.

Offizielle vs. Inoffizielle Geschichtsquellen
Quellentyp Offizielle Quellen Inoffizielle Zeitzeugen
Perspektive Institutionell, formal Persönlich, alltäglich
Typische Personen Bürgermeister, Pfarrer Postbote, Hebamme, Wirt
Art der Information Dokumentierte Fakten Gelebte Erfahrungen
Emotionale Dimension Meist neutral Reich an Gefühlen

Die Entscheidung, wem Sie zuhören, prägt also maßgeblich die Art der Geschichte, die Sie bewahren werden. Suchen Sie gezielt nach den Stimmen aus dem Herzen der Gemeinschaft, um ein vielschichtiges und menschliches Bild der Vergangenheit zu zeichnen.

Die 4 Tabuthemen, die 70% der Laien-Interviewer unbewusst ansprechen und Gespräche beenden

Mit Feingefühl ein Gespräch zu führen bedeutet auch zu wissen, wann man schweigen oder das Thema wechseln sollte. Viele gut gemeinte Fragen können unbeabsichtigt schmerzhafte Erinnerungen wecken oder als übergriffig empfunden werden und ein Gespräch abrupt beenden. Die heikelsten Bereiche sind oft nicht die großen historischen Katastrophen, sondern die stillen, persönlichen Tabus: Armut, soziale Ausgrenzung, familiäre Konflikte oder nicht realisierte Lebensträume. Achten Sie auf nonverbale Signale wie einen abgewandten Blick, nervöses Händefalten oder plötzliches Schweigen. Dies sind oft Hinweise auf ein sensibles Thema.

Sollten Tränen fließen, ist der Impuls zu trösten oft falsch. Besser ist eine emotionale Deeskalation: Erkennen Sie das Gefühl an („Das muss eine sehr schwere Zeit gewesen sein“) und bieten Sie eine stille Pause an. Dieses Aushalten der Stille signalisiert tiefen Respekt. Ein weiterer wichtiger Grundsatz lautet, wie es eine methodische Regel der Oral History zusammenfasst:

Wer nicht erzählen will, darf nicht dazu gezwungen werden

– Methodische Grundregel der Oral History, Geschichte lernen: Oral History Methodik

Um heikle Themen nicht direkt anzusprechen, können Sie die Technik der Externalisierung nutzen. Statt zu fragen: „Warum haben Sie den Hof Ihrer Eltern nicht übernommen?“, formulieren Sie die Frage allgemeiner: „War es damals für viele junge Leute in der Region schwer, den elterlichen Betrieb weiterzuführen?“. Dies gibt Ihrem Gegenüber die Möglichkeit, über ein schwieriges Thema zu sprechen, ohne es auf die eigene Biografie beziehen zu müssen. Hier sind vier Bereiche, die besondere Vorsicht erfordern:

  • Persönliches Scheitern: Fragen nach nicht übernommenen Höfen, abgebrochenen Ausbildungen oder gescheiterten Ehen.
  • Finanzielle Not und Armut: Direkte Fragen nach Geldmangel oder der Notwendigkeit, um Hilfe zu bitten.
  • Familiäre Konflikte: Fragen nach Erbstreitigkeiten, „schwarzen Schafen“ der Familie oder Kontaktabbrüchen.
  • Tod und schwere Krankheit: Direkte Fragen nach dem Verlust von Angehörigen. Sprechen Sie stattdessen lieber über gemeinschaftliche Trauerrituale („Wie hat das Dorf früher Abschied genommen?“).

Wann im Tagesablauf sind ältere Menschen am gesprächsbereitesten und erinnerungsfähigsten?

Der Erfolg eines Zeitzeugengesprächs hängt nicht nur vom „Wie“, sondern auch vom „Wann“ ab. Die kognitive Leistungsfähigkeit und die Bereitschaft, in Erinnerungen einzutauchen, unterliegen bei älteren Menschen oft einem klaren Tagesrhythmus. Den richtigen Zeitpunkt zu wählen, ist ein Zeichen von Respekt und maximiert die Chance auf ein tiefgründiges, reiches Gespräch. Marathoninterviews am späten Nachmittag sind selten eine gute Idee, da die Energiereserven dann oft erschöpft sind.

Die Wissenschaft bestätigt, was viele aus Erfahrung wissen: Der Vormittag ist die goldene Zeit für anspruchsvolle geistige Aktivitäten. Eine Studie des Deutschen Zentrums für Altersfragen unterstreicht dies deutlich. Sie zeigt, dass bei der kognitiven Leistungsfähigkeit im Alter fast 87% der Senioren ab 60 Jahren zwischen 10 und 12 Uhr vormittags am aufnahmefähigsten sind. In diesem Zeitfenster sind Konzentration und Erinnerungsvermögen am höchsten. Ein Gespräch in dieser Phase ist daher nicht nur produktiver, sondern auch angenehmer für Ihren Gesprächspartner.

Eine durchdachte Zeitplanung geht aber über die reine Uhrzeit hinaus. Es ist eine Strategie, die sich an den Menschen anpasst, nicht umgekehrt. Anstatt eines langen Termins können mehrere kurze Treffen oft besser sein. Dies beugt Ermüdung vor und gibt den Erinnerungen Zeit, zwischen den Gesprächen zu reifen. Beachten Sie die folgenden strategischen Punkte für Ihr Zeitmanagement:

  • Den späten Vormittag nutzen: Planen Sie das Kerngespräch idealerweise zwischen 10:00 und 12:00 Uhr.
  • Das „Nachmittagstief“ meiden: Vermeiden Sie Termine direkt nach dem Mittagessen (ca. 13:00 bis 16:00 Uhr), da hier die Ermüdung oft am größten ist.
  • Gesprächs-Häppchen servieren: Führen Sie lieber drei Treffen à 45-60 Minuten durch als ein einziges, zweistündiges Interview.
  • An Routinen anknüpfen: Manchmal entstehen die besten Gespräche, wenn sie an eine angenehme Routine gekoppelt sind, etwa bei der gemeinsamen Gartenarbeit oder einer Tasse Kaffee nach dem Wochenmarkt.

  • Die Energie-Kurve lesen: Achten Sie auf Müdigkeitszeichen wie häufiges Gähnen, einen abschweifenden Blick oder kürzere Antworten. Beenden Sie das Gespräch dann lieber positiv mit der Aussicht auf eine Fortsetzung.

Welche uralten Legenden verbergen sich in Harz, Eifel und Schwarzwald?

Manchmal ist der direkteste Weg zu einer persönlichen Geschichte ein Umweg über eine kollektive Erzählung. Alte Sagen und Legenden, die sich um eine Region ranken, sind nicht nur folkloristische Unterhaltung – sie sind ein Schlüssel zum kulturellen Gedächtnis einer Gemeinschaft. Sie spiegeln die Ängste, Hoffnungen und Werte wider, die über Generationen weitergegeben wurden. Eine Frage nach einer lokalen Legende kann ein wunderbarer, niederschwelliger Eisbrecher sein, der oft überraschende persönliche Erinnerungen freilegt.

Deutsche Mittelgebirge wie der Harz, die Eifel oder der Schwarzwald sind wahre Schatzkammern solcher Erzählungen. Fragt man einen älteren Bewohner des Harzes nach den Hexensagen vom Brocken, erzählt er vielleicht nicht die offizielle Sage, sondern eine „familiäre Variante“, die ihm seine Großmutter am Kaminfeuer erzählt hat. Plötzlich geht es nicht mehr um die abstrakte Legende, sondern um die ganz persönliche Erinnerung an die Wärme des Feuers, die Stimme der Großmutter und die kindliche Furcht in einem dunklen Winter. Die Legende wird zum narrativen Eisbrecher, der das Tor zu einer persönlichen Lebenswelt öffnet.

Nebelverhangene Berglandschaft mit altem Waldpfad im Morgengrauen

Diese Technik funktioniert, weil sie den Druck vom Gesprächspartner nimmt. Er muss nicht über sich selbst sprechen, sondern über etwas Allgemeinbekanntes. Doch fast immer verweben Menschen diese kollektiven Geschichten mit eigenen Erlebnissen:

  • Harz: Die Hexen- und Teufelssagen rund um den Brocken und die Walpurgisnacht. Eine Frage danach kann zu Geschichten über Aberglauben im Dorf oder persönliche Wandererlebnisse führen.
  • Eifel: Die Nibelungensage oder lokale Geschichten über Vulkane und Maare. Dies kann Erinnerungen an Schulfeste, Theateraufführungen oder die Beziehung der Menschen zur rauen Natur wecken.

    Schwarzwald: Legenden über Glasmännlein, Holländer-Michel oder Kuckucksuhren. Diese können Gespräche über altes Handwerk, den Wandel der Wirtschaft oder die Bedeutung des Waldes für die Familie anstoßen.

Indem Sie nach der lokalen Variante einer Sage fragen, signalisieren Sie Interesse an der spezifischen Kultur des Ortes und geben Ihrem Gegenüber die Rolle des Experten. Sie werden überrascht sein, wie oft eine Sage über einen Berggeist zu einer tiefgründigen Erzählung über das Leben als Holzfäller führt.

Wie Sie in 3 Tagen von Small Talk zu tiefgründigen Lebensgesprächen gelangen?

Tiefes Vertrauen entsteht selten in einer einzigen Sitzung. Es ist ein Prozess, der Zeit und Geduld erfordert. Anstatt zu versuchen, in einem einzigen Gespräch alles zu erfahren, ist ein stufenweiser Aufbau oft weitaus erfolgreicher. Das „Drei-Stufen-Modell“ ist eine bewährte Methode, um über mehrere Tage oder Treffen hinweg behutsam von oberflächlichen Themen zu tiefgründigen, persönlichen Erfahrungen vorzudringen. Eine aktuelle Studie zur Kommunikation mit älteren Menschen zeigt, dass sich bei einem solchen stufenweisen Aufbau über 62% der Senioren ab 80 Jahren für tiefere, persönlichere Themen öffnen.

Dieses Modell nutzt einen psychologischen Mechanismus: Es beginnt im Konkreten und Greifbaren und bewegt sich langsam zum Abstrakten und Emotionalen. Jeder Schritt baut auf dem vorherigen auf und festigt die Vertrauensbasis.

  1. Tag 1 – Orte und Objekte: Beginnen Sie mit dem, was sichtbar und neutral ist. Fragen Sie nach der Geschichte physischer Elemente in der Umgebung. Machen Sie einen gemeinsamen Spaziergang zum Dorfplatz oder durch den Garten. Fragen wie „Seit wann steht diese alte Eiche hier?“ oder „Dieses Haus hat sicher schon viel gesehen, nicht wahr?“ sind ungefährlich und laden zum Erzählen ein, ohne persönlich zu werden.
  2. Tag 2 – Gemeinschaftliche Ereignisse: Nachdem eine erste Verbindung hergestellt ist, weiten Sie den Fokus auf kollektive Erfahrungen aus. Greifen Sie Details aus dem ersten Gespräch auf. Fragen Sie nach Festen, Traditionen oder Ereignissen, die das ganze Dorf betrafen: „Sie erwähnten gestern den alten Marktplatz. Wie hat das Dorf hier früher Kirchweih gefeiert?“. Hier geht es um das „Wir“-Gefühl, das oft leichter zu teilen ist als das „Ich“.
  3. Tag 3 – Persönliche Erfahrung: Erst jetzt, nachdem ein Fundament aus gemeinsamen Themen und Vertrauen gelegt wurde, ist der Zeitpunkt für persönlichere Fragen gekommen. Knüpfen Sie wieder an das vorherige Gespräch an: „Was war Ihr ganz persönlicher Lieblingsmoment bei der Kirchweih damals?“. Die Wahrscheinlichkeit, nun eine reichhaltige, individuelle und emotionale Geschichte zu hören, ist um ein Vielfaches höher.

Diese Methode des konstruktiven Zuhörens – das Aufgreifen von Details aus früheren Antworten – ist das Herzstück dieses Ansatzes. Es signalisiert Ihrem Gegenüber: „Ich habe Ihnen wirklich zugehört und was Sie sagen, ist mir wichtig.“ So wird aus einem Interview ein echtes Gespräch, das sich über die Zeit organisch vertieft.

Das Wichtigste in Kürze

  • Emotionale Wahrheit ist wertvoller als reine Fakten. Sie macht Geschichte menschlich und nachfühlbar.
  • Vertrauen ist die Währung der Oral History; es wird durch Zuhören und Feingefühl verdient, nicht durch Fragen erzwungen.
  • Der Schlüssel zu tiefen Einblicken liegt in Alltagsgeschichten von „unscheinbaren“ Menschen, nicht nur in großen historischen Ereignissen.

Wie Sie in familiengeführten Gästehäusern von der Lebenserfahrung älterer Gastgeber lernen?

Manchmal muss man gar nicht aktiv nach Zeitzeugen suchen – man wohnt bereits bei ihnen. Familiengeführte Gästehäuser, Pensionen oder kleine Hotels sind oft seit Generationen in Familienbesitz und ihre älteren Gastgeber sind lebende Chroniken der Region. Sie sind die perfekten Ansprechpartner, da Gespräche in einer informellen und natürlichen Atmosphäre stattfinden können, ganz ohne den Druck einer offiziellen Interviewsituation. Die Herausforderung besteht darin, diese Gelegenheiten taktvoll zu nutzen.

Die besten Gespräche entstehen hier oft beiläufig, in den „Zwischen-Zeiten“ des Alltags. Fragen Sie beim Frühstück nach der Herkunft der selbstgemachten Marmelade – oft verbirgt sich dahinter eine Familiengeschichte über den Garten der Großmutter und die Traditionen des Einmachens. Bewundern Sie abends in der Gaststube ein altes Foto an der Wand und fragen Sie nach den abgebildeten Personen. Der Historiker Gerrit Menzel vom Maritimen Museum Hamburg betont, wie wertvoll solche ungezwungenen Gespräche sind, um die vielschichtigen Geschichten hinter Objekten und Orten zu entdecken.

Ein besonders eleganter Einstieg ist die Frage nach der Geschichte des Hauses selbst. Dies erlaubt den Gastgebern, ihre eigene Familiengeschichte durch das Prisma des Anwesens zu erzählen – eine Perspektive, die ihnen vertraut ist und auf die sie stolz sind. Sie sprechen über die Herausforderungen beim Bau, über berühmte Gäste von einst oder darüber, wie sich die Bedürfnisse der Reisenden über die Jahrzehnte verändert haben. Aus einer Frage über das Gebäude wird so eine tiefgründige Erzählung über den Wandel des Tourismus, der Wirtschaft und des Lebens in der Region. Seien Sie ein interessierter Gast, kein aufdringlicher Interviewer. Zeigen Sie ehrliches Interesse am Leben und der Arbeit Ihrer Gastgeber, und die Geschichten werden oft von ganz allein fließen.

Beginnen Sie noch heute damit, den Geschichten um sich herum mit neuen Ohren zuzuhören. Jeder ältere Mensch ist eine Bibliothek, die darauf wartet, gelesen zu werden. Ihre Aufgabe als Generationenbrückenbauer ist es, diese Bücher behutsam zu öffnen und ihr unschätzbares Wissen für die Nachwelt zu bewahren.

Häufige Fragen zum Interviewen von Zeitzeugen

Geschrieben von Sandra Becker, Sandra Becker ist Hotelmanagerin mit IHK-Abschluss und zertifizierte Barrierefreiheits-Beraterin mit 16 Jahren Erfahrung in der Hospitality-Branche. Sie leitete Hotels unterschiedlicher Kategorien, berät Unterkünfte bei Inklusionskonzepten und entwickelt Schulungsprogramme für diversitätssensiblen Service.